Heinrich Schütz: Die Gesamteinspielung

Dresdner Kammerchor, Leitung: Hans-Christoph Rademann

Carus Verlag

Das Werk des wohl ersten Komponisten, den man als Meister europäischen Ranges bezeichnen kann, komplett (d. h. 500 Werke) aufzunehmen und editorisch aufzubereiten, diese große Aufgabe hat sich Hans-Christoph Rademann mit dem Dresdner Kammerchor und zahlreichen Solistinnen und Solisten sowie instrumental Musizierenden vorgenommen, 2009 begonnen und nach zehn Jahren zum Abschluss gebracht. Es ist wahrscheinlich das erste Projekt, dass sich in dieser Fülle und Vollständigkeit jener Aufgabe widmet und dabei sogar einige Ersteinspielungen vorweisen kann.

In den instruktiven Texten der Beihefte erfährt man Wissenswertes, gut recherchierte Hintergründe, mitunter auch persönliche Zugänge; allerdings begegnet einem auch der unvermeidliche Passus der historischen Informiertheit und man wundert sich, dass Musikwissenschaftler nicht mit Befremden auf diese beliebige und verwässernde Bezeichnung einer akademischen Tätigkeit reagieren. Wie dem auch sei, Rademann bringt seine Interpretationsmaxime mit „historisch informiert - heute interpretiert“ auf einen für ihn passenden Nenner. Und genau da liegt möglicherweise das Problem, was weniger als eine Frage der Befindlichkeit oder unterschiedlicher musikästhetischer Ansichten und Geschmäcker zu betrachten ist als vielmehr mit der Umsetzung von Erkenntnissen und Ergebnissen aufführungspraktischer Forschung diskutiert werden sollte. Beispiel: Hat man bei Schütz-Produktionen von Cantus Cölln, Paul McCreesh, verschiedenen Knabenchören, John Eliott Gardiner o. a. gleich eine klare und deutliche interpretatorische Kante, zu der man wie auch immer Stellung beziehen kann, ist das bei einigen von Rademanns Aufnahmen anders. Ohne Frage ist hier alles exemplarisch in musikalischer und technischer Hinsicht, die Intonation ist makellos, die Sprachbehandlung ist idealtypisch, federnd und perfekt phrasiert, dennoch affektreich und bisweilen effektvoll. Aber ist der Klang nicht eine Spur zu wenig farbig, zu modern im Sinne einer makellosen Homogenität, zu skandinavisch, zu Sopran-orientiert, in der Summe eben ein perfekter moderner Konzertchor? Dagegen ist nichts zu sagen, erst recht nicht, wenn es auf diesem wunderbaren, exemplarischen und klanglich beglückenden Niveau geschieht.

Dennoch offenbart sich das beschriebene, zugegebenermaßen ausgewiesene Luxusproblem idealtypisch im Opus 1, den Italienischen Madrigalen. Vielleicht reicht es hier nicht, sie als Chor perfekt zu singen - weil sie per definitionem keine genuine Chormusik sind. Nach der wegweisenden solistischen Referenzaufnahme von „The Consort of Musicke“ unter der Leitung von Anthony Rooley vor etwa 35 Jahren kann man diese Madrigale wahrscheinlich nicht besser, sondern nur anders interpretieren, insofern ist ein Vergleich an sich obsolet. Unabhängig davon verlieren sie an Expressivität, Spontaneität und typischer madrigalesker Italianità in einer - wenn auch noch so technisch hochwertigen und gelungenen - Interpretation durch einen Chor. Unter diesem Eindruck und dieser Erkenntnis hört man die Motetten der Geistlichen Chormusik von 1648 doch etwas reserviert und erinnert sich bisweilen lieber an die ebenfalls etwa 35 Jahre alte, viel kantigere Aufnahme des Knabenchores Hannover, die dem Vorwort des Dresdner Meisters gemäß die unterschiedlichsten Besetzungen entfaltet und immer wieder neue, vokal-instrumentale Klangflächen eröffnet. Überhaupt ist in den ausführlichen Vorworten, die Schütz zu seinen Publikationen geschrieben hat, so viel an aufführungspraktischen Möglichkeiten enthalten, dass sich noch manche Werke dadurch interessanter und abwechslungsreicher besetzen ließen (so z. B. die Möglichkeit, mehrere Echo-Ensembles im Schlusssatz der Musikalischen Exequien im Raum zu verteilen oder der Hinweis, zu den Rezitativen neben einer großen Orgel einen Violone zu benutzen statt Kammerorgel und Violoncello oder Gambe, eine Besetzungsanordnung, die m. W. nur Paul McCreesh bei der Weihnachtshistorie bislang umgesetzt hat). Was an Klangentfaltung selbst bei einfachen Sätzen möglich ist, lässt sich auch bei Michael Prätorius nachlesen und z. B. bei der Aufnahme der „Christmette“ mit dem Gabrieli Consort in der Domkirche von Roskilde nachhören. Im Becker-Psalter entfaltet die neue Aufnahme mit Rademann unterschiedliche Besetzungen, bleibt aber insgesamt in der Fülle der Möglichkeiten - vielleicht in bewusster Distinktion? - ebenso kultiviert wie nobel-reserviert zurück.

Was ist nun das Neue an dieser Gesamteinspielung? Es ist neben der Vollständigkeit des Repertoires gerade die große vokale Besetzung in Chorstärke, wo der „gantze Haufe“ mit „starkem Gethön“ vielen Ritornellen und großen, teils mehrchörigen Besetzungen dem musikalischen Ausdruck Pracht und Tiefenstaffelung verleiht. Dass das nicht in einer Klangorgie wie beim erwähnten Gabrieli Consort unter McCreesh exaltiert, ist nicht immer ein Manko, denn Rademann besitzt ästhetisches Augenmaß, Distinguiertheit und musikalischen Geschmack, dessen Resultat auch nach dem Hören von mehreren CDs nicht ermüdet. Seine Tempi sind schnell bis sportlich, die Dreiertakte fast immer zügige Tripla. Nur selten vermutet man eine routinierte Aufnahmesituation, wenn z. B. bei einem Track zwei unterschiedliche Aussprachearten des lateinischen Textes gleichzeitig zu hören sind.

Damit ist das Haar in der Suppe aber auch gefunden und ausgiebig behandelt, denn der Rest ist ausschließlich des Lobes würdig. Die verzierungsfreudigen Solisten und zuverlässigen Instrumentalisten sind ohne Abstriche ersten Ranges und man hört ihnen die Prägung und das interpretatorische Konzept Rademanns deutlich an, was der Aufnahme einen gemeinsamen Guss und eine überzeugende Handschrift verleiht. Einen Evangelisten mit so natürlicher Stimmgebung und schönem Timbre wie Georg Poplutz hört man sich auch nach einer Passion und den Historien zur Weihnacht und Auferstehung nicht leid.

Entdeckungen bieten nicht nur die unbekannteren Zyklen wie die Cantiones sacrae, Hochzeitsmusiken und verschiedene Einzelwerke, die den Komponisten nicht in gewohnter Weise als würdigen, altersweisen Kantor wie auf dem Gemälde in seinem 72. Lebensjahr zeigen, sondern vielmehr einen vielseitigen, sinnlichen und lebensbejahenden Menschen in der besten Schaffenskraft zur Mitte seines Lebens abseits der melancholischen Distanz des erwähnten Bildnisses. Was für ein Jammer, dass die erste deutsche Oper „Dafne“ aus der Feder von Heinrich Schütz und sämtliche instrumentalen Werke von ihm verloren gegangen sind und damit ein gesamter, höchst interessanter Teilaspekt seines Schaffens im Dunkeln bleibt.

In drei CD Boxen darf man sich mit insgesamt 28 Silberlingen (die allesamt auch einzeln bzw. je nach Zyklus als Doppel-CD erhältlich sind) durch das gesamte Werk hören, und man freut sich mit jeder Aufnahme mehr und mehr an Klängen, Stilen, Besetzungen, der unglaublichen Vielseitigkeit, der perfekten Konzeption dieser Musik und ihrer Ausführenden. So bleiben wenige Wünsche offen: vielleicht als Ergänzung nicht doch noch eine Neuaufnahme der Italienischen Madrigale in solistischer Besetzung und eine noch abwechslungsreichere Ausführung des Becker-Psalters in einer richtig großen Besetzung mit unterschiedlichen Chorgruppen (gern auch einmal mit Knabenstimmen), an verschiedenen Aufstellungsorten, einer historischen Orgel mit Pedal in einer dem entsprechenden üppig

Rademann setzt mit dieser Produktion Maßstäbe, die dieser Aufnahme über viele Jahre den Status einer Referenzeinspielung verleihen und die einlädt, sich mit dem Werk des großen Meisters, dessen Todestag sich im kommenden Jahr 2022 zum 350. Mal jährt, zu beschäftigen - um damit, wie Rademann es treffend ausdrückt, gewissermaßen zu lernen, „mit den Ohren zu sehen".

Johannes Krutmann