Passionsoratorium „Der Tod Jesu“ von Carl Heinrich Graun erklang in St. Joseph

Am Palmsonntag wurde in der kath. Kirche St. Joseph vom Kammerchor Weidenau unter Leitung von Helga Maria Lange das Passionsoratorium „Der Tod Jesu“ von Carl Heinrich Graun (1704-1759) aufgeführt, ein herrliches, hochemotionales und kunstvolles Werk für Solisten, Chor und Orchester. Wie Dechant Karl- Hans Köhle in seiner Einführung darlegte, war die 1755 in Hamburg und danach im Berliner Dom uraufgeführte abendfüllende Kantate das meist musizierte Werk der damaligen Zeit – bis es ab 1829 zugunsten der Bach‘schen Matthäuspassion für hundert Jahre verschwand.

Das von Amalia von Preußen, der Schwester Friedrich II., in Auftrag gegebene Libretto von Karl Wilhelm Ramler wirkt für heutige Ohren in seiner empfindsam teilnehmenden, oftmals überbordend gefühlvollen Diktion etwas übertrieben. Die dem empfindsamen Stil zugehörige Musik des am Hofe Friedrichs II. tätigen Kapellmeisters Graun vereint Ausdruckskraft, hochbarocke Kunstfertigkeit und – in den Chorälen – wunderbare Schlichtheit. So nimmt der Komponist die Zuhörer gleich zu Beginn ohne Orchestervorspiel mit der bekannten Choralmelodie „Du, dessen Augen flossen, sobald sie Zion sahn“ gefangen, um mit dem Chor-Largo „Sein Odem ist schwach“ in stockenden, chromatischen Seufzern und kunstvollen Fugen das grausame Geschehen auf Golgatha musikalisch zu deuten und empfindsam zu begleiten.

Nach glanzvollen Sopranhöhen, prägnanten Alt- und Tenormelodien sowie sonoren Basskantilenen endet der Chor mit den Worten „Sein Leben ist nahe bei der Hölle“ in tiefsten Tiefen. Die Sopranistin Antje Bischof hatte mit drei langen Arien und einem Duett den größten solistischen Einsatz. Mit ihrer höhensicheren, leichten, silbrigen Stimme gab sie den koloratur- und atemintensiven Ausdeutungen von Jesu Leiden und Sterben schlichten Ausdruck.

Dass die Graun‘sche Musik auch opernhafte Effekte enthält, kam in der Interpretation des Tenors Thomas Iwe mehr zum Tragen. Die dramatische Szene der Gefangennahme Jesu beginnt mit dem Rezitativ „Nun klingen Waffen“, in dem die Christusworte (wie auch in den weiteren Rezitativen) arios begleitet werden (großartig Michael Kolfhaus, Violoncello, und Thorben Klaes, Cembalo).

Das Orchester ließ sich in der Arie mit verzierungsreicher Artikulation und akzentuierter Ausdruckskraft hören. Auch das fast die Tenorlage streifende Rezitativ „Jerusalem, voll Mordlust‘ und die folgende rasante Arie des Bassisten Martin Risch (er bewältigte die anstrengende Partie mit Energie und Strahlkraft) wurde durch die lebendige und genaue Orchesterbegleitung der Camerata Instrumentale Siegen (Konzertmeisterin Annette Pankratz) mitgestaltet. Den Höhepunkt bildete der Chorsatz auf die Worte des Petrusbriefes „Christus hat uns ein Vorbild gelassen‘.

Bei den Worten „auf dass wir sollen nachfolgen“ begann eine kunstreiche Doppelfuge. Klangschön und sattelfest sang der Kammerchor die anspruchsvolle Komposition, der wiederum ein gefühlvoller Choral folgte.

Zwei Flöten gaben dem tänzerischen Duett von Sopran und Tenor sanfte Klangfarben, unterstützt von der die Fagotte imitierenden Orgel (Eva-Maria Kaden). Kontrastreich und dramatisch folgte auf die siegessichere, frohe Sopranarie (mit hohem C!) und dankbar fröhliche Chöre das harmonisch kühne Rezitativ des Basses, dass das Sterben Jesu schildert. Der klagende Schlusschor wurde mehrfach von den Trostworten des Bass-Solisten „Weinet nicht“ unterbrochen.

Ganz still endete das Oratorium mit den Worten: „Anbetung sei dein Dank, den opfre jedermann!“ Dankbarer Applaus für die von Helga Maria Lange kompetent und führend geleitete, eindrückliche Passionsmusik!