Orgeln: St. Josef, Bünde

Hintergrund und Rahmen des Projektes

Am Anfang aller Überlegungen standen ein undichtes Dach und Kältebrücken an den Wänden, die saniert werden sollten. Doch im Zuge der Planungen wurde die Besonderheit und Bedeutung dieser Kirche als exemplarisches Beispiel für die Kunst der 1960er und frühen 1970erJahre deutlich. Dies betrifft in Bünde insbesondere das Zusammenwirken des Architekten Joachim Georg Hanke (geb. 1931) mit dem Künstler Otto Herbert Hajek (1927 - 2005), der die 1967 gebaute Kirche 1974 ausgemalt hatte. Nachdem die Kirche 2015 in die Denkmalliste aufgenommen wurde, ging es nicht mehr um eine einfache Sanierung sondern vielmehr um eine vollständige Restaurierung des Kirchenraumes nach strengen denkmalpflegerischen Grundsätzen. Dies beinhaltete auch eine Neufassung und damit letztlich Vollendung der ursprünglichen Pläne für eine künstlerische Glasfassade, ferner den Ausbau einer Werktagskapelle sowie eines behindertengerechten (sog. „differenzierten“) Zugangs – und nicht zuletzt: eine neue Orgel.

Eine neue Orgel für die denkmalgeschützte Kirche

Nach Errichtung und Weihe der Kirche 1967/68 war zunächst ein Orgelpositiv als Interimsinstrument in Funktion bevor 1975 Orgelbau Speith aus Rietberg eine neue Orgel einbaute (II/11). Im inzwischen von Hajek künstlerisch vollständig ausgemalten Raum wurde diese Orgel notgedrungen oberhalb eines Windfangs am Eingang positioniert. Diese Lösung darf als Beleg dafür gelten, dass bei der Planung der neuen Kirche ein vernünftiger Standort für eine Pfeifenorgel auf der Prioritätenliste der Planer nicht sehr weit vorne stand. Auf dem Windfang war das Instrument einerseits schwer zugänglich, andererseits vor der damaligen, nicht isolierenden Industrieverglasung starken Temperaturschwankungen ausgesetzt. Der Spieltisch mit den elektrischen Steuerungen war ebenerdig ohne Sichtkontakt zur Orgel positioniert; klanglich wurde das Fehlen eines Principal 8´ aufgrund beengter Verhältnisse in der Orgel als ständiger Mangel empfunden. Etwa gleichzeitig mit den Planungen für die Sanierung der Kirche entwickelten sich die Überlegungen zum neuen Pastoralen Raum Wittekindsland, in den die einzelnen Kirchengemeinden nach der bevorstehenden Pastoralvereinbarung integriert sein werden. Eine Befragung nach Wünschen und Anliegen der Gemeinde in Bünde ergab einen hohen Stellenwert zugunsten der Kirchen- und Orgelmusik. Auch auf diesem Ergebnis basiert die Entscheidung der Gemeinde St. Josef, die Gunst der Stunde zu nutzen und einen Orgelneubau - in bescheidenen Dimensionen - in den großen Restaurierungsplan der gesamten Kirche einzubinden.

Künstlerischer Orgelbau-Wettbewerb

Für die Auswahl des richtigen Instrumentes und des Orgelbauers waren besondere Kriterien ausschlaggebend: Die schwierigste Frage war, einen geeigneten Standort für die Orgel zu finden und eine überzeugende Lösung hinsichtlich ihrer äußeren und inneren Gestalt zu konzipieren. Zum einen sollte sie optisch, bautechnisch und klanglich im Raum überzeugen und zum anderen integrativ das bestehende Raum-Kunst-Konzept von Hanke/Hajek berücksichtigen, zu dem sie keinesfalls in Konkurrenz treten durfte. Gleichwohl war eine vollgültige Orgel auf Prinzipal-8‘-Basis angestrebt, die liturgisches und – in kleinerem Umfang – konzertantes Orgelspiel ermöglicht und in aller Bescheidenheit als eigenständiges Kunstwerk gelten kann. Diese Aufgabenstellung konnte nur durch einen künstlerischen Ideenwettbewerb unter verschiedenen Orgelbauern sinnvoll gelöst werden. Dieser wurde 2016 durchgeführt, wobei das zur Verfügung stehende Budget vorgegeben war. Vor einer umfangreich besetzten Findungskommission mit Vertretern der Gemeinde, des Denkmalamtes und des Erzbischöflichen Generalvikariates ging die elsässische Manufacture d’orgues Muhleisen aus Eschau bei Straßburg mit ihrem Entwurf einer frei in den Raum gestellten, hoch aufragenden Orgel auf kleinstem, asymmetrischem Gehäusegrundriss als klarer Gewinner hervor.

Das asymmetrische Gehäuse

Zunächst nimmt die äußere Form der Orgel Rücksicht auf den ausgemalten Raum als Kunstwerk: Schlank und freistehend ermöglicht sie einen weitgehend freien Blick auf die Wandkomposition Hajeks – insbesondere auf die oft als Sonne gedeutete Kreisform auf der Rückwand der Kirche. Die natürliche Maserung des Eichenholzes – ideal als Material für ein Orgelgehäuse – scheint durch die flächige Lasur in zurückhaltendem Grau hindurch. Die Prospektpfeifen des Prinzipal 8‘ wurden von Hand gegossen, auf Länge geschnitten und sind in mattem Rohguss belassen. Die auf der anderen Seite des Gehäuses im Prospekt stehenden Holzpfeifen des Soubasse / Bourdon 16‘ bilden dort eine fast nahtlos glatte Fläche. Der asymmetrische Grundriss folgt den vorgegebenen Linien des Bodens und des Raumes. Die Asymmetrie setzt sich an anderen Stellen sehr eigenständig fort: kaum eine Fläche, ein Holm, Pfosten oder Querbalken ist im rechten Winkel gestaltet. Auch das Pultdach – asymmetrisch der Grundfläche folgend – ist mit Gefälle aufgesetzt, ähnlich dem Dach der Kirche. In diese völlig einzigartige Gesamtform der Orgel die sichtbaren Pfeifen ebenso harmonisch wie großzügig und mit klarer Linienführung der Labien einzupassen sowie im Inneren auf engstem Raum alle Werkteile zugänglich, funktional und effizient bei höchster Qualitätstiefe zu verbauen waren hohe kunsthandwerkliche Herausforderungen für den ausführenden Orgelbauer aus Frankreich, der diese mit Bravour gemeistert hat.

Konzept der Orgel

Trotz einer vergleichsweise geringen Anzahl klingender Register verfügt die Orgel über zwei eigenständige Manuale (Grand-orgue - Man. I und Positif - Man. II) sowie Pédale, welches alle Register als Transmissionen aus den beiden Manualwerken entlehnt. Etwa in der Mitte der Orgel verläuft waagerecht die Zwillings-Windlade - zwei ineinander verschränkte Laden von Grand-orgue und Positif. Die Mechanik der Register- und Tontraktur ist einschließlich des türgroßen, aus Platzgründen senkrecht eingebauten Magazinbalgs im „Erdgeschoss“ der Orgel, d.h. unterhalb der Ladenkonstruktion verbaut. Im „Obergeschoss“ bis zum Dach sind die Pfeifenreihen aufgestellt. Die Manualtasten bestehen aus Fichte mit Ebenholz-Belag, die Obertasten aus Ebenholz mit Knochenbelag. Das Pedal (Eiche) umfasst 30 Töne und folgt, doppelt geschweift, der BDO-Norm. Damit der optische Gesamteindruck der Kirche nicht durch aufgeklappte Spielschranktüren gestört wird, ist der Spieltisch mit einem aufwändigen durch Seilzug und Gegengewicht gehaltenen festen Rollladen verschlossen, der zugleich die Spieltischbeleuchtung schaltet.

Das klangliche Konzept folgt – bezogen auf die überschaubare Registerzahl - im weitesten Sinne der Vorstellung des berühmten französischen Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll (1811 - 1899) von klanglicher Ökonomie: wenige Register mit je klarem, ausdrucksstarken Charakter, die einzeln bereits eine wunderbar musikalische Ausdruckskraft besitzen, sich aber auch mit den anderen Registern gut mischen und dabei einen hohen Klangreichtum erzeugen können. Diese „kleine“, dezidiert französische neue Orgel in St. Josef in Bünde rundet nicht nur das Gesamtprojekt der künstlerischen Sanierung und Restaurierung der Denkmalkirche ab, sondern stellt sowohl für die Gemeinde als auch für alle Freunde hochwertigen Orgelbaus ein besonderes liturgisches wie künstlerisches Instrument dar.

Disposition

I. Manual – Grand orgue C-g´´´
Bourdon 16´*
Principal 8´
Flûte 8‘*
Gambe 8‘
Prestant 4‘*
Doublette 2‘
Fourniture IV

II. Manual - Positiv C-g´´´
Bourdon 8‘
Flûte à cheminée 4‘
Nasard 2 2/3‘
Flûte 2‘
Tierce 1 3/5‘
Trompette 8‘*

Pedal C-f´
*Soubasse 16‘
*Flûte 8‘
*Principal 4‘
*Trompette 8‘

* Transmissionen
Koppeln: II/I, I/P, II/P
Temperierung: Muhleisen II (leicht ungleichstufig)

Sachberatung:
DKM Jörg Kraemer, Borgentreich
Dr. Jürgen Wulf, Bünde

Gesamtplanung und Ausführung:
Manufacture d’orgues Muhleisen; Eschau/F