Kirchenmusik in der Liebfrauenkirche in Hamm

Wie groß und vielfältig die musikalischen Möglichkeiten zur Gestaltung von Gottesdiensten und Konzerten in der österlichen Bußzeit sind, zeigte sich in verschiedenen kirchenmusikalischen Veranstaltungen in der Liebfrauenkirche in Hamm.

Zum Auftakt des Orgeltriduums standen Stummfilmimprovisationen zu Friedrich Wilhelm Murnaus Filmklassiker „Faust“ auf dem Programm, zu dem Thorsten Maus aus Recklinghausen an der Goll-Orgel über mehr als zwei Stunden ohne jegliche Pause Klangimpressionen schuf, die über reine akustische Illustrationen bzw. den oft bemühten Terminus Untermalung weit hinausgingen, vielmehr einen großen musikalischen und dramaturgischen Bogen schufen und in einer Schlussapotheose gipfelten, die die Zuhörenden tief beeindruckte.

Interpret und Instrument zeigten sich in bester Verfassung und ließen keine Längen entstehen, so dass auch etliche jugendliche Interessierte sich von dieser anderen Form des Orgelkonzertes angesprochen fühlten.

Obwohl die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach offensicht zu den meistaufgeführten Werken des Thomaskantors zählt, ist sie in Kirchenkonzerten doch eher selten zu hören. Zu groß sind die nachvollziehbaren Hürden des Aufwands, die zur Aufführung dieses opus maximum zu nehmen sind. Auch in der Hammer Liebfrauenkirche sind etliche Jahre vergangen zwischen der ersten Aufführung - seinerzeit die erste dieses Werkes mit historischen Instrumenten in der Lippestadt - und der jetzigen am Palmsonntag. Zwei Dienstjubiläen ließen den Plan einer Zusammenarbeit von Chorleitern und Chören entstehen, so dass der Aufwand logistisch realisierbar wurde und zudem zwei Aufführungen ermöglichte. Zusammen mit dem Vokalensemble Wiedenbrück und dem Jugendchor St. Aegidius (unter der Leitung von Jürgen Wüstefeld) sang die Mendener Kantorei unter der Gesamtleitung von Johannes Krutmann dieses große Werk und wurde vom Barockorchester „La Réjouissance“ auf historischen Instrumenten begleitet. Mit Peter Kooij als Bass-Solist und Nils Giebelhausen als Evangelisten hatte man zwei erfahrene und renommierte Sängerpersönlichkeiten gewinnen können, die sowohl die Rezitativ- als auch die Arien-Partien übernahmen und durch enorme Modulationsfähigkeit und höchste Stimmkultur beeindruckten. Es mag ein Charakteristikum großer Werke sein, dass bereits bei der Probenarbeit bei allen Beteiligten ein tiefes Eindringen in die Spiritualität dieser Musik entsteht, das dann im Konzert neben den affekt- und aktionsreichen Turbae-Chören noch durch die kontemplativen Elemente in den Chorälen, Arien und Ariosi vertieft und auf besondere Weise erlebbar wird. In der Alt-Arie „Erbarme dich“ mit Dorothée Rabsch oder der Sopranarie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ mit Elisabeth Schnippe schien die Zeit und die Welt stehen geblieben zu sein, auch die Bass-Arien „Komm süßes Kreuz“ oder „Mache dich, meine Herze rein“ gehören zu Momenten musikalischer und geistlicher Erfüllung, die nicht beschrieben werden müssen und wie oben bereits erwähnt wohl vor allem ein Kennzeichen großer Kunstwerke sind. Nach mehr als drei Stunden endete die Aufführung in ergreifender und beeindruckender Stille.

Ganz andere Klangwelten erkundete die „Tenebrae“ in der Nacht zum Gründonnerstag: Der aus Hamm stammende, nun im österreichischen Linz tätige Pianist und Komponist Christoph Althoff improvisierte auf dem Flügel in der Liebfrauenkirche zu Texten von Rilke (gelesen von Thomas Höddinghoff) und gesungenen Klageliedern des Jeremias (gesungen von Johannes Krutmann). Unter dem Titel „Freispielen“ nahm Althoff musikalische und inhaltliche Bezüge auf, führte sie weiter, spielte mit den Motiven und der Akustik des Raumes und schuf mit seinen Improvisationen, die durch die Tonart E-Dur und ihre verwandten Tonarten einen großen, gesamtheitlichen Bogen herstellte, einen Klavierabend, der sich in seiner meditativen Dichte stark von herkömmlichen Klavierkonzerten unterschied und bei dem es sich wiederum ergab, dass das Konzert so endete, wie es vor dem ersten Ton begonnen hatte: mit Stille.

Die Liebfrauenkantorei Hamm sang an allen Gottesdiensten des Ostertriduums. Werke von Ola Gjeilo und Lajos Bardos standen am Gründonnerstag auf dem Programm. Mit ihren Solisten Sascha Mücke (Evangelist) und Markus Knoblauch (Christusworte) sowie Chorsoliloquenten erklang die Johannespassion von Hermann Schröder sowie spanische Motetten des 16. und 17. Jahrhunderts am Karfreitag, und mit Unterstützung des Blechbläserensembles „Classic Brass Ruhr“ breitete sich in der Osternacht der österliche Jubel in doppelchörigen Motetten und mit bis zu drei Orgeln teils über den gesamten Kirchenraum verteilt aus.

Dass aber auch Konzerte abseits von Eventcharakter ihre künstlerische Kraft und Expressivität entfalten können, zeigte sich in den beiden weiteren Konzerten des Orgeltriduums mit einer „Messe am Hofe des Sonnenkönigs“, in der alternierend mit gregorianischem Choral eine Orgelmesse von Francois Couperin erklang und im Abschlusskonzert mit Domorganist Markus Eichenlaub aus Speyer.

Johannes Krutmann